Chronik aus dem Jahr 1995

Seit fast 100 Jahren sorgt die Schiedsrichtervereinigung zusammen mit dem FLVW-Siegen-Wittgenstein für die reibungslose Durchführung des Fussballspielbetriebs auf lokaler Ebene. Die Memorien unserer Schiedsrichter-Vereinigung sind im wesentlichen eine Erinnerung an besonders prägende Persönlichkeiten und ein Dokument für die schwirige, aber auch schöne Tätigkeit vieler hunderte Idealisten, die sich im Laufe der letzten Jahre der Schiedsrichterei gewidmet haben, mit unterschiedlichem Erfolg, aber alle untrennbar verbunden mit dem Vorhaben, den Fußballregeln auf dem Spielfeldern Geltung zu verschaffen und damit den Fußball als Spiel zu erhelten. Es ist ja immer so, daß das, was zunächst spielerisch und regellos begonnen hat als ein pures Vergnügen, sich irgendwann zu einem Wettkampf ausbildet, zu einem Kräftemessen bei dem - da nun nicht mehr lediglich das Spiel das Ziel ist, sondern auch und gelegentlich vor allem der Erfolg - man sich Vorteile zu schaffen sucht, mit fairen Mitteln, mit Tricks und Finten, aber eben auch, indem man rücksichtslos Gebrauch macht z.B. von körperlicher Überlegenheit oder der Skrupellosigkeit in der Anwendung unfairer Mittel. Das "Kämpfe mit angelegtem Oberarm" - sozusagen das Idealtypische der sportlichen Auseinandersetzung - weicht dem "Gebrauche den Ellenbogen, wenn du nur kannst!" - Der Zweck heiligt die Mittel, der Erfolg gibt dem Sieger Recht, und was derlei Sprichworte mehr sind. Plötzlich werden Regeln unabdingbar, als "Leitplanken" sozusagen, die das Ausbrechen oder Abgleiten in die Unfairneß verhindern sollen. Ein Grundkonsens muß ausgebildet und letztlich schriftlich fixiert werden, dem alle am Wettkampf Teilnehmenden sich zu verpflichten haben. Und plötzlich wird ein Schlichter nötig, der die Einhaltung dieses Grundgesetzes überwacht, der objektiv und regelsicher die durch die Regeln gesetzten Grenzen schützt, und der Grenzverletzungen - Regelübertretungen also - mit Sanktionen belegt. Das ist die Geburtsstunde des Schiedsrichters.

 

Das anfängliche Gentlemen`s Agreement, nach dem beide Parteien übereingekommen sind Regelübertretungen ohne neutrale SchiedsInstanz zuzugeben und durch Ballverlust auszugleichen, funktioniert eben nicht auf Dauer. Es kann nicht funktionieren, die Versuchung ist zu groß. So begleitet schon in der Frühzeit des organisierten Fußballs das Bestreben nach unabhängigen "Richtern", die strittige Situationen sofort und kompetent entscheiden und gegebenenfalls Strafen verhängen, die Entwicklung dieses Sports.

Was sich im Mutterland des Fußballs - England - zu Ende des vorletzten und zu Anfang des letzten Jahrhunderts über mehrere Entwicklungsstufen ausgeprägt hat, fand rasch Anerkennung und Übernahme auch im kontinentalen Europa. Und damit haben wir den Rahmen gesetzt, in den wir nun das Bild der Schiedsrichtervereinigung einfügen können.

 

Angefangen hat alles im Jahre 1919, als unter der Leitung von Hermann Söhnge der erste Lehrgang für Schiedsrichter im Siegerland durchgeführt wurde. Damit und mit den folgenden

Lehrgängen sowie mit dem Aufbau einer Führungsstruktur wurde zum ersten Mal ein wenig Ordnung in den noch recht ungeordneten Spielbetrieb auf den Sportplätzen gebracht. Zwar hatten auch bisher einzelne Kameraden aus den Sportvereinen die Spiele geleitet, die Notwendigkeit eines Schiedsrichters stand auch in diesen frühen Jahren schon außer Frage. Aber deren Spielleitungen hatten bisweilen recht unorthodoxe Züge: Die "Schiedsrichter" wechselten sich nicht selten mitten im Spiel ab - ob aus Erschöpfung, Lustlosigkeit oder Überforderung entzieht sich dem heutigen Betrachter. Bei den Spielleitungen selbst ging es gelengentlich regelrecht folkloristisch zu: Bei Regenwetter liefen die Schiedsrichter mit dem Schirm an der Seitenlinie entlang, um ihre Kleider zu schonen. Das war auch dringend notwendig, denn: eine "Haute Couture" für Schiedsrichter gab es damals noch nicht. Der normale "Straßenanzug" oder die Knickerbocker ersetzten die Schiedsrichter-Garnitur, manchmal durch modische Accessoires ergänzt, Sportmützen zum Beispiel, oder "Käppis" in den Vereinsfarben. Das Verdienst, die Farbe Schwarz für die Schiedsrichter in Deutschland eingeführt zu haben, gebührt dem Nürnberger Schiedsrichter Ernst Sackenreuther, der 1920 ein Spiel in der Vereinsfarbe (schwarz) seines eigenen Vereins leitete und damit - ungewollt - stilbildend wurde. Die Wachstumsbranche "SR-Ausrüstung" konnte sich aber unter den obwaltenden wirtschaftlichen Bedingungen noch nicht entwickeln. Eine "Uniformierung" war auch längst nicht so wichtig wie eine Qualifizierung der Sportkameraden, die sich zur Leitung von Fußballspielen zur Verfügung stellten.

Hermann Söhnge, Albert Wissenbach, Anton Urbanski, Albert Weber und Karl Starck - die Männer der ersten Stunde - haben in der Zeit nach 1919 sehr viel dafür getan, den Gedanken der Qualifikation von Schiedsrichtern in die Vereine zu tragen. Ein Gedanke, der offensichtlich auf so fruchtbaren Boden fiel, wie immer werden negative Erfahrungen die Motivation begründet haben, daß die zwischenzeitlich gegründete Schiedsrichter-Vereinigung rasch anwuchs.

Deren "Verwaltungsarbeit" allerdings erschöpfte sich anfänglich weitgehend in der Bestätigung der Schiedsrichter-Ansetzungen. Damals nämlich konnten sich die Vereine ihre Schiedsrichter wünschen, und die Vereinigung bestätigte in der Regel nur noch diese Wünsche. Ein ebenso zeit- wie nervensparendes Verfahren, wenn man es mit heute vergleicht. Anders verhielt es sich mit dem Lehrbetrieb, der den eigentichen arbeitsinhalt der Vereinigung bildete. Man traf sich wöchentlich in verschiedenen Siegerländer Lokalen. um sich theoretisch weiterzubilden. Ein "paradiesischer Urzustand" sozusagen, auf den die Lehrwarte heute nur mit Wehmut zurückblicken können. Dem ersten Schiedsrichterobmann des Kreises, Hermann Söhnge, folgten bis zum 2. Weltkrieg die Kameraden Wissenbach, Urbanski, Starck und Heinrich Welsch. Die kontinuierliche Entwicklung der Schiedsrichter-Vereinigung wurde naturgemäß durch die Wirren des 2- Weltkrieges erheblich behindert - ein Spiegelbild der allgemeinen Situation im Sport. Nur noch wenige Vereine waren überhaupt in der Lage, Mannschaften zu bilden und einen Spielbetrieb aufrechtzuerhalten. Obnmann der Schiedsrichter war zu dieser Zeit schon Heinrich Welsch, der später auch zum Obmann des Gaues Westfalen berufen wurde. Von 1948 bis 1952 hatte er als Mitglied des westfälischen Verbandsschiedsrichter-Ausschusses maßgeblich Anteil am Neuaufbau der westfälischen Schiedsrichterorganisation. Belohnt wurde diese Aufbauarbeit durch seine Wahl zum westfälischen Obmann (1952), der er bis 1957 blieb. In dieser Zeit stieg die Zahl der Fußballschiedsrichter in Westfalen auf rund 3000, eine gemessen an den damaligen Gegebenheiten beeindruckende Zahl.

Der Neuaufbau der Schiedsrichter-Vereinigung Siegerland-Wittgenstein nach dem 2.Weltkrieg war vor allem das Werk Otto chlechtingers, der vom damaligen Zentralsportverband zum Obmann gewählt wurde - zwei Tage nachdem er aus der Gefangenschaft zurückgekehrt war. Er blieb Obmann, bis er 1961 aus Krankheitsgründen gezwungen war, sein Amt zur Verfügung zu stellen. Wie erfolgreich seine Arbeit und die Arbeit seines Ausschusses war, läßt sich an Zahlen ablesen: 1955 gab es schon wieder 86 Schiedsrichter und zwei Jahre später sogar 115.

Die Probleme dieser Zeit unterscheiiden sich nicht sondeerlih von den hutigen Schwierigkeiten. Oft wurder der schlechte Besuch der Monatsbelehrungen beklagt, allerdings nicht ohne auf die Gründe dafür hinzuweisen: Heu- und Kartoffelernte waren anerkanntermaßen wichtiger als Belehrungen, wie das Protokoll vom 09.10.1954 verzeichnet.

Aber es gab auch Belohnungen für besonders pflichteifrige Schiedsrichter: 1952 z.B. kamen während einer Belehrung fünf Wecker zur Verteilung, wobei sich die Produkolle darüber ausschweigen, ob dadurch verspätete Anreisen zum Spiel - die auch immer wieder beklagt wurden- vermindert werden konnten. Dabei darf allerdings nicht vergessen werden, daß zu dieser Zeit die meisten "Anreisen" zu Spielleitungen zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegt werden mußten. 1976, als er anläßlich seiner 40jährigen Schiedsrichtertätigkeit geehrt wurde, erzählte der Brachbacher Schiedsrichter Aloys Wolff stolz, daß er in den Nachkriegsjahren immer mit dem Persilkarton unterm Arm zu Spielleitungen über den Berg in den Freien Grund gewandert sei, wobei ihm dann gelegentlich der spätere Schiedsrichterobmann und heutige Kreisvorsitzende Rudolf Müller begegnete- mit dem Schulranzen auf dem Rücken, wenn er zur Bergschule ging.

Das herausragende Ereignis in den 50er Jahren war die Feier zum 30jährigen Jubiläum der Vereinigung am 23. und 24. Juli 1955. Genaugenommen war es eigentlich der 35. Jahrestag der Gründung aber im eigentlichen Jubiläumsjahr 1959 waren die wirtschaftlichen Verhältnisse noch nicht wieder so, daß man eine so große Feier ohne Schwierigkeiten hätte durchführen können. Deshalb beging man sozusagen den 5. Jahrestag des 30jährigen Jubiläums - mit einer Festfolge, die mit einem Marsch aus der Oper "La Traviata" eröffnet und mit einem "großen Tanz mit Einlagen" abgeschlossen wurde. Ob auch ohne Einlagen getanzt werden durfte, ist nicht mehr zu vermitteln....

In das Jahr 1955 fällt auch die Einführung einer Anstecknadel der Vereinigung und eines Schiedsrichterabzeichens für das Trikot, jeweils mit dem "Krönchen" als Kennzeichen der Schiedsrichter-Vereinigung Siegerland-Wittgenstein.

Die Anstecknadel ist bis heute unveränder geblieben. Das Trikot-Emblem blieb bis vo1 etwa zwei Jahren in Gebrauch, ehe es durch eir neues Abzeichen mit dem "Westfalenpferd" ah Signum abgelöst wurde. Ein solches Abzeichen wurde damals unteJ anderem auch darum gewünscht, weil es inzwi· sehen einen regen Schiedsrichteraustausch mi anderen Fußballkreisen gab, auch schon mi Kreisen außerhalb des westfälischen Verbands-gebietes. So gab es bereits 1952 einen Aus· tausch mit Rheinland-Pfalz, und 1957 kam e! zum erstenmal-wenn auch nur für kurze Zeit· zu einem Austausch mit dem Kreis Dillenburg

 

Daß damals alles "eitel Sonnenschein" geweßen sei, mag sich bei diesen Zeilen aufdrängen. So war es aber nicht ganz. Ein Auszug aus dem Jahresbedcht 1955/56 belegt, daß man vor ähnlichen Problemen stand wie wir heute:

,.Zur Zeit läuft unter Führung des Kd. Wagner ein neuer Kursus, der sich seinem Ende nähert. Wenn alles gutgeht, werden wir wieder einige brauchbare Kameraden in unsere Reihen bekommen. Der Ruf an die .Jugendleiter; sich an den Kursen zu beteiligen, blieb leider auch wieder ungehört. Nur einige von ihnen haben sich am Kursus beteiligt ... Unsere Bitte an die Vereine, genügend brauchbare Kameraden zu entsenden, ist auch wieder ohne Echo verhallt. Nur wenige haben sich in dieser Beziehung auf ihre Pflicht besonnen. Im Moment warten wir noch auf die bereits schon mehrmals angedrohten Bestrafungen durch die Instanzen. Hat es sich doch gezeigt, daß im Guten nichts zu erreichen ist (! ). "

Es ist also alles schon mal dagewesen. So auch der Versuch, den Wittgensteiner Kameraden die weite Anreise ins Siegerland zu den Monatsbelehrungen zu ersparen, indem man 1957 eine Wittgensteiner Gruppe in der Vereinigung ins Leben rief, deren erster Leiter, Stützpunktleiter wie er damals genannt wurde, unser späterer langjähriger Obmann und jetziger Ehrenobmann Wilhelm Roth wurde. Eine solche Gruppe in der Gruppe gibt es heute formal nicht mehr, wohl aber getrennte Monatsbelelu·ungen in den meisten Monaten, ein Tribut einerseits an die beträchtliche Flächengröße unseres Kreises, andererseits eine nahezu unerläßliche "Teilung", da Monatsbelehrungen mit über hundert Schiedsrichtern organisatorisch schwierig zu bewältigen und pädagogisch wenig effektiv sind. Bemerkenswertes noch am Rande aus dem Jahr 1958: Das Protokoll vom 13.9.1958 verzeichnet den Erhalt eines Verbands-Rundbriefes über den sogenannten "Notwehrparagraphen". Näheres wird nicht mitgeteilt, nur der Anlaß des Schreibens ist angegeben: Ein Schiedsrichter aus dem ostwestfälischen Raum hatte sechs Mann k. o. geschlagen, während der Siebte -wie es im Protokoll hieß -"türmen" ging. Solche "Schlagfertigkeit'' eines Schiedslichter entsprach und entspricht nicht ganz den Vorstellungen des Verbandes. 1961 gab -wie oben schon angedeutet -Otto Schiechtinger krankheitsbedingt das Amt des Obmanns ab an

Norbert Wagner, der aber auch noch 1961 zurücktrat. Zu seinem Nachfolger wurde Kurt Ernst Hankel bestellt, der sich den älteren unter uns unauslöschlich in die Erinnerung eingeprägt hat. Er war schon 1954 in den Kreisschiedsrichterausschuß gewählt worden und hatte seit 1957 das Amt des Lehrwarts inne. Er blieb Obmann bis zu seinem allzu frühen Tod 1975. Kurt Ernst Hankel hat die Vereinigung in besonderer Weise geprägt, und seine engagierte wie erfolgreiche Arbeit wurde 1971 durch seine Wahl in den Verbandsschiedsrichterausschuß bestätigt.

Zusammen mit unserem heutigen Kreisvorsitzenden Rudolf Müller, damals bereits Mitglied im Kreisschiedsrichterausschuß und Lehrwart der Vereinigung, war er auch der Motor eines erneuten Austausches über die Verbandsgrenzen hinweg mit hessischen Nachbarkreisen. Seit 1972 gibt es einen Austausch mit dem Kreis DilIenburg, seit 1973 darüber hinaus mit dem Kreis Biedenkopf, und mit Beginn der Spielzeit 1994/95 ist ein Austausch mit dem Kreis Frankenberg hinzugekommen. Dieser Austausch bis zur Bezirks- bzw. Bezirksoberliga hat sich trotz einiger Unterschiede in den Spielordnungen und Bestimmungen beider Landesverbände -im ganzen bis heute bewährt. Ein Beleg der dabei entstandenen Kameradschaft ist auch die Tatsache, daß sich die drei (jetzt vier) Kreise jährlich einmal zu einer gemeinsamen Belehrung trafen. Ein Schiedsrichteraustausch bis zur Oberliga, der mit der Spielzeit 1974175 einge-führt wurde, konnte leider nicht durchgehalten werden. Zu unterschiedlich waren offensichtlich die Beobachtungsergebnisse -nach wie vor ein unverzichtbares Kriterium für den Auf-und Abstieg eines Schiedsrichters -ausgefallen.

1974 wurde auch der Fußball von den weltpolitischen Ereignissen eingeholt: Die Ölkrise bescherte den Schiedsrichtern -sicherlich zu deren Freude -ein paar freie Sonntage, weil alle Fußballspiele infolge des Sonntagsfahrverbotes samstags durchgeführt werden mußten. Auch die Schiedsrichter hatten also ihren Anteil an politischer Verantwortung zu tragen. "Soziale" Verantwortung hatten die Siegerländer und Wittgensteiner Schiedsrichter schon 1964 demonstriert. Das Protokoll vom 11.1.64 verzeichnet nämlich den dringenden Hinweis eines Versammlungsmitgliedes, der Bedienung ein angemessenes Trinkgeld zu geben. Über den Erfolg dieser Bitte wird nichts weiter gesagt, aber ich nehme doch an, daß der Hinweis auf fruchtbaren Boden gefallen ist, zumal das Bier durch eine Spende finanziert worden war. Im Jahr 1975 starb Kurt Hankel. Zu seinem Nachfolger wurde der damalige Kreisschiedsrichterlehrwart Rudolf Müller bestimmt, der die Geschäfte des Obmanns führte, bis er 1979 zum Kreisvorsitzenden gewählt wurde. Auch wenn seine Amtszeit , gemessen an der Mehrzahl seiner Vorgänger, relativ kurz war, ist sie von herausragender Bedeutung für die Vereinigung. Der ehemalige Ober-und Regionalliga-Schiedsrichter, der erst mit Erreichen der Altersgrenze von 47 Jahren aus dem Spitzenfußball ausschied, hat die organisatorischen Strukturen in der Vereinigung geschaffen, die auch heute noch mit nur geringen Modifikationen bestehen. Daß er 1979 zum Kreisvorsitzenden gewählt wurde, hat die Vereinigung deshalb mit einem lachenden und mit einem weinenden Auge zur Kenntnis genommen. Mit einem weinenden, weil Rudolf Müller aus der unmittelbaren Schiedsichterarbeit damit ausschied, ohne aber den direkten Kontakt zu den Schiedsrichtern zu verlieren; mit einem lachenden, weil er als Kreisvorsitzender für die Schiedsrichter lange Zeit ein "Glücksfall" war. Daß den Schiedsrichtern eine lange Zeit das Fahrgeld zu den Monatsbelelehrungen aus der Kreiskasse ersetzt wurde, daß wir auch lange Zeit keinerlei Schwierigkeiten hatten, die für die Verwaltung der Schiedstichter und vor allem für ihre Aus-und Fortbildung nötigen finanziellen und materiellen Mittel zur Verfügung gestellt zu bekommen hatte die Arbeit beträchtlich gefördert. In seiner Amtszeit als KSO fielen zudem zwei herausragende sportliche Auszeichnungen. Zum einen wurde 1975 Willi Schilling für seine über 40jährige Schiedsrichtertätigkeit mit der Verdienstnadel des DFB geehrt, eine Ehrung, die aus dem Bereich der Schiedsrichter-Vereinigung Siegerland-Wittgenstein zu diesem Zeitpunkt auch Rudolf Müller, Heinz Schneider und Wilhelm Roth erfahren hatten -, und zu Beginn der Spielzeit 1976/77 wurde mit Horst Birkelbach der erste Siegerländer Schiedsrichter als Linienrichter in die 1. Bundesliga berufen. Nachfolger von Rudolf Müller als Obmann wurde der bisherige Lehrwart Wilhelm Roth, de sich gleich in die Vorbereitungen für das 60jährige Jubiläum der Schiedsrichter-Vereinigung stürzen mußte, das 1980 gefeiert werden konnte.

Den sportlichen Teil des Jubiläums bildete ein Turnier für Schiedsrichtermannschaften, bei dem der "Kurt-Hankel-Gedächtnispreis" ausgespielt wurde. Gewinner des Preises wurde die Westerwälder Schiedsrichter-Vereinigung. Für den negativen "Höhepunkt" des Turniers sorgte ausgerechnet ein Schiedsrichter der wiederum von einen Schiedsrichter wegen Schiedsrichterbeleidigung (!)des Feldes verweisen werden mußte. Den gesellschaftlichen Teil des Jubiläums bildete eine Festveranstaltung an "historischer" Stätte: in der Volkshalle Feudingen, wo auch schon das 30. Jubiläumsfest gefeiert worden war. Die Gästeliste liest sich auch heute noch wie ein "who is who" des westfälischen Schiedsrichterwesens: an der Spitze Johannes Malka, des weiteren Albe1t Berger, der leider schon verstorben ist, Günther Baumgärtel und Rolf Kühl. Auch der Verbandspräsident Paul Rasche ließ sich die Teilnahme nicht nelunen, selbstverständlich war auch der Kreisvorstand mit Rudolf Müller an der Spitze Gast der Veranstaltung, und aus dem politischen Bereich ragten der damalige Landrat, Hermann Schmidt, MdB, und der Bürgermeister der Stadt Laasphe, Becker, heraus. Bei diesem Fest - das bis in die frühen Morgenstunden dauerte, Schiedsrichter beweisen gelegentlich ein unübertreffliches "Stehvermögen" - hatte ich die Ehre, die Chronik der Vereinigung zu rekapitulieren, und ich schloß meine Ausführungen damals ab mit einem - nicht ganz ernstgemeinten -Ausblick in die Zukunft: "Was ·werden die nächsten 60 Jahre bringen? Vielleicht dies: Vielleicht wird es den ersten Kreisverband einer SR-Gewerkschaft geben, vielleicht werden die Spesen für die Kreisliga die 100-DM-Grenze überschritten haben, vielleicht werden wir über genügend Schiedsrichter verfügen, daß jeder SR garantiert ein freies Wochenende pro Monat haben wird, vielleicht wird es sogar einmal einen SR-Fanclub geben, vielleicht wird der Verband einen Kader F einrichten, zur Vorbereitung auf die Vorbereitung zum Kader D, vielleicht wird noch einmal ein Siegerländer den Sprung in die Verbandsspitze der Schiedsrichter schaffen, vielleicht wird es einmal 4 SR pro Spiel geben und einen Oberschiedsrichter, vielleicht wird auch in der Kreisliga die Video-Aufzeichnung als Beweismittel vor der KSK zugelassen werden, vielleicht werden die Regeländerungen einer Saison einen ganzen Aktenordner füllen, vielleicht werden wir unser 120jähriges Jubiläum, wieder hier in Freudingen feiern, vielleicht wird der ein oder andere von uns diese Feier noch erleben, vielleicht, vielleicht, vielleicht ... ". Nun, das wenigste davon ist bisher eingetroffen. Aber es war ja auch auf einen längeren Zeitraum projektiert. Dennoch: Einiges davon hat sich schon erfüllt oder bewegt sich zumindest in diese Richtung, Die letzten 15 Jahre in der Schiedsrichter-Vereinigung waren ereignisreich in vieler Hinsicht, auch wenn es manchmal eher kleine, in der Öffentlichkeit kaum zur Kenntnis genommene, Ereignisse waren, die hier nicht aufgeführt werden können. Aber auch "Highlights" gab es, die des Berichtens wert sind. Zunächst ist festzuhalten, daß die Zahl der aktiven Schiedsrichter - von wenigen "saisonalen" Einbrüchen abgesehen - kontinuierlich nach oben gegangen ist. Das war auch notwendig, um mit der Zahl der neu am Spielbetrieb teilnehmenden Mannschaften Schritt halten zu können. Jungschiedsrichterlehrgänge, deren erster bereits 1979 durchgefühlt wurde, und die zweimal im Jahr durchgeführten "normalen" Schiedsrichteranwärter- Lehrgänge haben die Zahl inzwischen auf deutlich über 200 ansteigen lassen. Selbst der "Verlust" der rund 50 reinen Altliga-Schiedsrichter - einer "Spezialität" des Fußballkreises Siegen- Wittgenstein - hat zu keinem nachhaltigen Tief geführt. Dieser Erfolg ist nicht zuletzt auf den vom Verband beschlossenen sogenannten "Drei-Stufen- Plan" zurückzuführen, der abgestufte Sanktionsmaßnahmen für die Nichterfüllung des Schiedsrichtersolls vorsieht. Es ist natürlich, daß er bei den Vereinen wenig Gegenliebe findet, dennoch aber ist und bleibt er bis auf weiteres eine absolute Notwendigkeit, um den Spielbetrieb aufrechterhalten zu können. Er ist gewissermaßen der "Stachel im Fleisch" der Vereine, der sie an die Erfüllung ihrer satzungsgemäßen Pflichten erinnert, wenn auch gelegentlich auf schmerzhafte Weise. Der Vereinigung aber hat er geholfen und wird er weiter helfen, ihrer Aufgabe, nämlich der Gestellung von Schiedsrichtern für jedes Pflicht- und nach Möglichkeit auch für jedes Freundschaftsspiel, nachzukommen. Die Basis also hat sich gut entwickelt, wenn auch längst noch nicht alles zu unserer vollen Zufriedenheit abläuft. Und auch in der "Spitze" gab es erfreuliche Entwicklungen. Zeitweilig stellten wir in den letzten 15 Jahren gleichzeitig drei Linienlichter im bezahlten Fußball, mit Horst Birkelbach, Gerd Jung und Wolfgang Leipold. Ein absolutes Novum für die Schiedsrichtervereinigung Siegerland-Wittgenstein war die Berufung eines Siegerländer Schiedsrichters als Linienrichter auf die DFB-Liste. Alfred Kreutz, der 1985 - nach mehrjährigen hervorragenden Leistungen in der Amateur-Oberliga - auf die Liste gesetzt wurde, hat in der Folgezeit in mehr als 120 DFB-Spielen und zwei internationalen Begegnungen mitgemacht, ehe er aus persönlichen und beruflichen Gründen 1992 seinen Abschied aus dem bezahlten Fußball nahm. Auch unterhalb dieser "magischen" Grenze DFB-Liste tummelten und tummeln sich zahlreiche Schiedsrichter aus unserer Vereinigung in den Spitzenligen des Verbandes. Erfolg auch einer kontinuierlichen Aufbauarbeit seitens des Kreisschiedsrichterausschusses mit Wilhelm Roth an der Spitze, der fast die gesamte Zeit seit dem letzten Jubiläum die Geschicke der Vereinigung in seinen Händen hielt. Eher "väterlich" als streng, kontaktfreudig und belastbar, hat er den "Laden" nicht nur zusammengehalten, sondern auch zahlreiche Impulse zur Weiterentwicklung gegeben. Als er 1992 aus Altersgründen nicht wieder zur Wahl des Obmanns kandidierte, hinterließ er eine intakte Vereinigung. Welchen "Nachhall " seine Arbeit bei "seinen" Schiedrichtern hat, bewies die Vereinigung, als sie ihn am Ende seiner Amtszeit zum "Ehrenobmam machte, eine in unserem Kreis bisher einmalige Auszeichnung. Eine weitere ehrenvolle Aufgabe habe ich selbst übemehmen dürfen, als ich 1987 zum erstenmal als Verbandsschiedsrichterlehrwart in den Verbandsschiedsrichterausschuß des FLVW gewählt wurde. Die Zeiten werden schwieriger. Ehrenamtliche Tätigkeit ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Zu groß ist das Freizeitangebot inzwischen geworden, als daß man sich auf eines beschränken möchte. Zu groß ist aber auch für die, die sich noch zur Verfügung stellen, der Arbeitsanfall geworden, so daß es gelegentlich zu einer großen Fluktuation kommt, nicht nur im Beireich der aktiven Schiedsrichter, sondern auch bei den Funktionären. Auch aus diesem Grund kam es in unserer Vereinigung sozusagen zu einem "Drei-Obmann-Jahr", als Wilhelm Roth 1992 auf eine erneute Kandidatur verzichtete und an seine Stelle Rüdiger Pamp trat, der dann nach leider nur kurzer Amtszeit aus beruflichen Gründen zurücktreten mußte. Als seinen Nachfolger wählte die Schiedsrichter-Vereinigung Hans Penzin, der das Amt bis in dieses Jahr bekleidete, ehe auch er aus Arbeitsüberlastung auf eine erneute Kandidatur verzich tete. Ihn "ersetzte" Paul Ulrich Werthenbach, der den Schieds1ichterausschuss hoffentlich wieder zu gewohnten Kontinuität, die unsere Arbeit auch in den letzten 15 Jahren ausgezeichnet hat, zurückführt. Diese "Turbulenzen" haben aber der Arbeit an der Basis nicht geschadet, wie die Zahlen ausweisen. Mit gegenwärtig rund 240 Schiedsrichtern haben wir eine Spitzenzahl erreicht, die wir hoffentlich über einen langen Zeitraum halten und eventuell noch ausbauen können. Auch wenn Defizite in der Arbeit durch diese schnellen Wechsel nicht zu verzeichnen sind, ist dennoch personelle Kontinuität eine wesentliche Voraussetzung für eine zukunftsorientie1te Weiterarbeit Denn die Entwicklung im Schiedsrichterbereich kann und darf nicht stagnieren. Die Verwaltung des Augenblicks ist nur eine Aufgabe, die Planung der Zukunft mit ihren absehbaren Herausforderungen die andere. Dabei geht es nicht nur um die Sicherung des Spielbetriebes, es geht auch um die Perspektiven für junge Schiedsrichter, denen der Weg an die Spitze geebnet werden muß. Das diesjährige Jubiläum, zu dem wir erstmalig auch Vertreter aller Vereine eingeladen haben, markiert deshalb nicht den Endpunkt einer Entwicklung, sondern lediglich eine Zwischenstation auf dem Weg in die Zukunft. Eine wichtige Zwischenstation, denn es gilt, auch mit dieser Veranstaltung unsere Arbeit transparenter zu machen und Freunde zu finden, damit wir aus der bei uns gelegentlich vorhandenen "Wagenburgmentalität" ausbrechen können. Die Schiedsrichter-Vereinigung ist nicht "lebensfähig" ohne die Vereine, aber die Vereine sind auch nicht "lebensfähig" ohne die Schiedsrichter. Wir sitzen - nach einem gern gebrauchten Bild - alle im selben Boot. Unsere Hoffnung ist, daß wir zukünftig auch in dieselbe Richtung rudern. Wir dienen - und ich gebrauche dieses Wort bewußt - wir dienen nämlich demselben Ziel: den Fußballsport attraktiv und sportlichfair zu erhalten.

 

 

Diese Chronik wurde verfasst im Jahr 1995 zum 75 Jubiläum der Schiedsrichtervereinigung von Gundolf Walaschewski.